Review by Sophia Felbermair, ORF.at – 07/06/2012

„Willkommen im Inzestkeller

Es ist Kellerzeit bei den Festwochen: Nach Ulrich Seidls „Bösen Buben“ feierte am Mittwoch die schwedisch-finnische Koproduktion „Conte d’Amour“ in der Garage X ihre Premiere. Das Thema der Aufführung ist ein österreichisches: der Fall Fritzl und das Leben im Inzestkeller.

Das Bühnenbild vermittelt bereits vor Beginn der Vorstellung ein zwiespältiges Gefühl. Ein weißer Gartenzaun mit grünem Rasen wirkt irgendwie idyllisch, der Blick in die erhöhte offene Wohnung transportiert Unwohlsein. Denn dort sitzt auf der Wohnebene ein Mann mit seiner Familie, bestehend aus drei Puppen, auf einem schmuddeligen Ikea-Sofa und stopft Chips und Cola in Frau und Kinder.

Jede Bewegung, jede der stummen Aktionen macht deutlich: Der Vater hält die Zügel in der Hand, und auch wenn seine Handlungen nichts Gewalttätiges an sich haben, sind es doch Übergriffe. Irgendwann hat der Mann die Familie satt und kriecht in einen Schrank, um kurz darauf im unteren Teil der Bühne, dem Keller seines vermeintlichen Einfamilienhauses, wieder aufzutauchen.

Die Parallelfamilie auf der Leinwand

Dort dämmert seine Parallelfamilie vor sich hin – die Tochter und die mit ihr gemeinsam gezeugten Kinder. Alles was ab nun in der dreistündigen Inszenierung passiert, geschieht hinter eine Bauplane die nur schemenhafte Einblicke ermöglicht und wird mit einer Hand- und einer Fixkamera auf Leinwände nach oben projiziert.

Und hier beginnen die menschlichen Abgründe. Alltägliche Sätze wie „Welcome Daddy, Willkommen“, „Ich will mit dir spielen“ oder „I love you, Daddy“ klingen mantraartig wiederholt grausam und ohne jede Unschuld, genau wie der Satz „Aus der Sicht des Universums ist die Geschichte nicht so schrecklich“.

In der (musikalisch grandiosen) Keller-Interpretation werden auch romantische Liebeslieder wie „Love will tear us apart“ zu Songs mit unnatürlichen Subtexten und transportieren eine Verzweiflung, die an Wahnsinn grenzt.

„Mein kleiner Afrikaner“

Regisseur, Video- und Performancekünstler Markus Öhrn geht sogar noch einen Schritt weiter und lässt die Familie Ärzte ohne Grenzen in Afrika spielen. Rassismus und Kolonialismus dienen da als Projektionsfläche für die Allmachtsfantasien des Vaters, der die Familie als sein persönliches Besitztum betrachtet, das ihm völlig ausgeliefert ist und ohne ihn nicht überleben könnte.

Momentaufnahmen aus der Welt eines Verbrechers

Nach dem Erfolg von „Best of Dallas“ (2007) ist dies die zweite Zusammenarbeit der beiden skandinavischen Theatertruppen Institutet (Schweden) und Nya Rampen (Finnland). „Die Arbeit versucht die Bedürfnisse eine Gesellschaft zu beschreiben, die solche Phänomene erzeugen, ohne dabei die Moralkeule zu schwingen“, steht in der Jurybegründung des deutschen Festivals Impulse, wo „Conte d’Amour“ als beste Off-Theater-Produktion ausgezeichnet wurde.

„Conte d’Amour“ bezieht sich zwar inhaltlich auf den Fall Fritzl, auf irgendeine Form der Narration der realen Geschichte verzichten die koproduzierenden Theatergruppen jedoch. Generell ist die Produktion viel weniger Handlungsbasiert, sie besteht stattdessen aus Momentaufnahmen, in denen zäh die Welt eines Verbrechers demonstriert wird.

Das Monster „ist etwas, das erschreckt. Seine monströse Tat offenbart etwas, das besser im Dunkel geblieben wäre“, heißt es im Stück. Es gehe darum, „romantische Liebe zu ergründen – eine bedingungslose und absolute Liebe, die alles überwinden kann und alle anderen ausschließt“, erklärt Regisseur Öhrn im Programmheft. Die Liebe würde in dem Fall einfach auf die Spitze getrieben und auf ihren rohsten Kern reduziert: den Wunsch, einen anderen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes mit Haut und Haar zu besitzen.

Besucherschwund im Folterkeller

Überspannung und Überstrapazierung ist an diesem Abend damit klar Konzept – und stellt mit der Mehrdeutigkeit eine ständige Gratwanderung am Rand der Extreme dar. Fast die Hälfte des Publikums am Premierenabend beendete den Folterabend daher frühzeitig – schon nach einer halben Stunde setzte der stetige Besucherschwund ein. Die verbliebene Hälfte sparte am Ende nicht mit Applaus, die Erschöpfung war aber sowohl auf der Bühne als auch auf der Tribüne deutlich.“